Nichts kommt, nichts geht. Und wer gewinnt? Das weiße Blatt.
Zugegeben, es gibt kaum etwas Wichtigeres als den Anfang. Er ist es, der den Leser dazu motivieren kann, bei der Sache zu bleiben, sich in das Buch hineinzustürzen und sich von der Geschichte mitreißen zu lassen.
Viele Leser legen heute ein Buch sofort wieder weg, wenn ihnen der Anfang nicht gefällt - und das will schließlich kein Schreiberling. Aber keine Sorge - es gibt Rettung. Hier ein paar Hinweise dazu, wie schon der Anfang wirklich mitreißen kann.
Zuallererst jedoch ein wichtiger Tipp vorweg: Der Anfang kommt meist am Ende. Hauptsache, es steht zunächst einmal etwas auf dem Papier. Der perfekte Anfang sieht im Laufe des Projekts immer wieder anders aus. Aber es bringt nichts, ihn jedes Mal neu zu schreiben. Stattdessen lautet mein Rat: Bringt die Geschichte zu Ende. Erzählt, was ihr erzählen wollt. Und wenn die letzte Szene steht, überlegt euch, welcher Anfang eurem Projekt gerecht werden könnte. So ist er am Ende perfekt auf das Projekt abgestimmt.
Klassische Fesselspiele
Einige typische Arten von Anfangsszenen sind wohl allen bekannt und besonders häufig, gehören quasi zum Standardrepertoire - und trotzdem funktionieren sie immer wieder. Hierbei steht die Handlung im Vordergrund: Irgendetwas Wichtiges, Mysteriöses, Spannendes, Aufregendes geschieht gerade und zerrt den Leser sofort ins Geschehen herein. Es ist sogar möglich, eine Szene aus dem späteren Verlauf in Bruchstücken zu übernehmen - davon rate ich persönlich allerdings außer in Ausnahmefällen ab (wenn die Szene später im Buch beispielsweise in einem völlig anderen Licht erscheint als am Anfang).
Wenn sich der Beginn vorrangig auf die Handlung stützt, ist vor allem eines wichtig: Den Leser ins kalte Wasser zu schmeißen. Er muss die Welt, die Vorgeschichte des aktuellen Geschehens und die Protagonisten nicht verstehen, um bei einer wilden Verfolgungsjagd mit dem Auto, einem gerade so vorbeischießenden Pfeil, der zum Glück "nur" die Schulter trifft oder einer hitzigen Auseinandersetzung mitzufiebern. Gewissermaßen steht der Leser völlig ahnungslos herum - aber genau das bringt ihn dazu, weiterzulesen, um mehr zu erfahren.
Trotzdem sollte bei diesen Szenen nicht vergessen werden, auch Neugier aufzubauen. Der Grund der Flucht wird nur angedeutet, der Killer, über den ein winziges Detail fallen gelassen wurde, geht mit einem Lächeln auf den Lippen fort, nachdem er sein flüchtendes Opfer eingeholt und getötet hat. Der Leser braucht eine Motivation, um nach dieser Szene weiterzulesen - und Neugier funktioniert am Allerbesten. (Was ist dieses mysteriöse Ding, das der Dieb versteckt hat? Warum musste der arme, alte Mann sterben? Was bedeuten die Symbole, die mit Kohle an die Türen eines gesamten Häuserblocks gemalt sind?) Diese Neugier soll allerdings nur im Vorbeigehen geweckt werden - eine Frage eingestreut hier, eine kurze Erwähnung im Wortwechsel. Für echte Erklärungen ist später Zeit.
Hier ein Beispiel:
Es gab keine schnelle und schmerzlose Methode, eine Amputation durchzuführen, das wusste Tessia. Nicht, wenn man es richtig machte. Für eine saubere Amputation musste man einen Hautlappen schneiden, um damit den Stumpf zu bedecken, und das kostete Zeit. (Trudi Canavan: Magie)Zugegebenermaßen ist diese Szene nicht haargenau das, was ich beschrieben habe, aber genau deshalb umso besser geeignet. Auch wenn sie den Leser (und den Protagonisten) nicht sofort loshetzt, ist sofort Spannung da. Eine Amputation - das bedeutet Schmerzen, Risiko, Spannung. Und genau das macht diese Szene aus. Ich rate sehr davon ab, mit den üblichen Kämpfen, Verfolgungen usw. anzufangen, wenn sich auch eine andere, originellere Methode finden lässt, die der erzählten Geschichte genauso gerecht wird - so wie es hier die Beschreibung eines medizinischen Notfalls ist.
Für Extravagante
Den Leser mit der Handlung zu fesseln, ist relativ einfach. Jedes Buch hat spannende, konfliktgeladene Szenen, die den Leser sofort in die Geschichte ziehen. Damit sind jedoch bei Weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Auch die handelnden Figuren, Sympathie, Mitgefühl oder jedwede Art von starker Emotion bieten einen guten Ansatz. Die Identifikation des Lesers mit einer Figur ist mit wenigen Sätzen nicht so einfach zu erreichen, kann aber eine genauso große Motivation sein. Der Leser interessiert sich für einen Charakter, er fühlt mit und will mehr über die Person erfahren.
Manchmal reicht aber auch noch viel weniger aus. Es muss nichts passieren, nicht einmal Personen müssen im Vordergrund stehen. Manchmal reicht auch schon die Atmosphäre aus, um den Leser in die Szene hineinzuversetzen, eine Ahnung in ihm zu wecken, ohne dass irgendetwas passiert ist. Hierfür muss der Autor eine wirklich starke Sprache beherrschen. Der Stil ist es, der hier in den Bann zieht.
Auch bei diesen beiden Methoden gilt natürlich wieder: Neugier ist notwendig. Also deutet ruhig an, greift vor, lasst einen inneren Monolog durchlaufen, der sich mit einer Entscheidung beschäftigt oder das Schicksal an einem unheilschwangeren Ort in Ahnungen mitschwingen. Aber kein Anfang ist völlig losgelöst von seiner Geschichte - ein bisschen andeuten kommt immer gut, hier kann - und sollte in der Regel - das aber ruhig subtiler sein.
Übrigens: Die beiden Formen, die ich hier beschrieben habe, treten meist zusammen auf - und werden auch von jedem anders gelesen. Die meisten Anfänge sind eine Kombination aus diesen beiden und einer bewegten Handlung, nur mit jeweils verschieden gesetztem Fokus.
Hier einige Beispiele:
Wenn ich an jene Zeit zurückdenke, ist es vor allem Viktor Vaus Gesicht, das mir vor Augen steht. Er war kein gut aussehender Mann im klassischen Sinn. Aber er besaß Charakter, und den erkannte man auf den ersten Blick. Dadurch unterschied er sich von den meisten seiner Kollegen. (Gerd Ruebenstrunk: Das Wörterbuch des Viktor Vau)Nicht die allerhellste Leuchte in meinem Bücherregal, aber der Anfang ist ein gutes Beispiel. Rückblicke sind häufig, denn sie bieten die Möglichkeit, die Ereignisse zu reflektieren, von denen das Buch berichtet. Hier wird eine Hauptfigur beschrieben - scheinbar durchschnittlich, und doch muss etwas an ihr sein, das sie in irgendwelche mysteriösen Ereignisse verwickelt. Wenig Spannung, viel Neugier, einige Identifikation - und das Ziel ist erreicht.
In jenem Jahr brachen zur Weihnachtszeit alle Tage bleiern und raureifgetüncht an. Bläuliches Halbdunkel tönte die Stadt, und die bis zu den Ohren eingemummten Menschen zeichneten mit ihrem Atem Dampfspuren in die Kälte. In diesen Tagen blieben nur wenige vor dem Schaufenster von Sempere & Söhne stehen, um sich in seine Auslagen zu vertiefen, und noch weniger rafften sich auf, einzutreten und nach dem verlorenen Buch zu fragen, das ein Leben lang auf sie gewartet hatte und dessen Verkauf, von seinem poetischen Rang einmal abgesehen, den misslichen Finanzen der Buchhandlung ein wenig hätte aufhelfen können. (Carlos Ruiz Zafón: Der Gefangene des Himmels)Es ist keines seiner besten Bücher, aber eins bleibt für mich unbestritten: Zafón ist der Meister der Atmosphäre. Wer kann sich nicht vorstellen, auf ebendieser Straße zu stehen und den kleinen Buchladen verhuscht in einer Ecke kauern zu sehen? Auf dem Fuße folgt eine Dialogszene, die einem zwei Charaktere näherbringt - und von denen der eine kurze Zeit später eine unschöne Entdeckung macht. Und - flupps - ohne es zu merken, ist man angekommen. Sprachkunst pur und eine unmittelbare Szene: Auch so funktioniert es.
Sie war vierzehn und glaubte fest daran, dass sie die Sterne auch durchs Dach sehen konnte, wenn sie die Augen zukniff und sich richtig konzentrierte. (Jo Nesbø: Der Erlöser)Und wieder eine Kombination aus Atmosphäre und Charakterisierung. Gleichzeitig gehört diese Szene auch in die erste Kategorie. Der Anfang überzeugt, eben durch diese Mischung aus persönlicher, verständlicher Perspektive, Atmosphäre und der Handlung aus dem ersten Beispiel. Außerdem ist sie ein wunderbares Beispiel, wie man die Spannung in einer solchen Szene aufbauen kann. Ich kann jedem nur empfehlen, sich diesen Prolog durchzulesen.
Für alle, die es anders wollen
Natürlich gibt es noch zigtausend andere Möglichkeiten, ein Buch anzufangen. Ich bin immer offen für neue Möglichkeiten, Ergänzungen, Erweiterungen und vor allem Innovationen. Dieser Artikel soll nur die häufigsten und einfachsten Möglichkeiten erklären. Das macht weder diese schlecht noch alle anderen, die irgendetwas anderes wagen. Deshalb hier noch ein Beispiele, wie man es auch ganz anders angehen kann:
Ein Blaubär hat siebenundzwanzig Leben. Dreizehneinhalb davon werde ich in diesem Buch preisgeben, über die anderen werde ich schweigen. Ein Bär muss seine dunklen Seiten haben, das macht ihn attraktiv und mysteriös. (Walter Moers: Die 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär)Ein außergewöhnliches Buch mit einem außergewöhnlichen Anfang: In einem Brief spricht der Käpt'n höchstpersönlich seine Leser an und behauptet, sie hielten seine Biographie in Händen. Ein Brief ist ungewöhnlich, die Behauptung, eine Geschichte sei real, riskant, da sie einem schnell die Lesefreude verderben kann - und doch macht genau das Walter Moers aus. Das perfekte Beispiel, wie man es ganz anders und damit umso besser machen kann - und damit meine ich nicht nur den Anfang, sondern den ganzen Roman.
Welcher Anfang passt zu mir?
Welcher Anfang zu welcher Geschichte passt, ist weder eindeutig noch pauschal festlegbar. Jede Geschichte verfolgt einen anderen Zweck, hat verschiedene Stärken und Schwächen. Für die meisten bietet sich jedoch eine Mischform am meisten an. Eine spannende Szene, in der wir den inneren Konflikt einer Figur verfolgen können; eine düstere Atmosphäre mit einem einsamen Reiter, der eine Nachricht überbringt und mit dem Willkommenstrunk vergiftet wird; ein wilder, konfuser Traum, der einen sofort in das Innenleben der Hauptperson einführt.
Wichtig sind vor allem zwei Dinge, wie auch immer der Anfang aussieht:
1. Er soll neugierig machen, aber nicht verwirren. Das heißt: Andeutungen, Ausblicke, Auslöser sind gut. Aber es darf auf keinen Fall so weit gehen, dass der Leser nur noch verwirrt in der Ecke steht und keine Ahnung hat, was vorgeht. Er muss nicht verstehen, warum es passiert oder worum es geht, aber er muss das Geschehen in der Szene nachvollziehen und sich zumindest vage vorstellen können.
2. Es soll fesseln. Der Leser muss die Situation interessant finden - sei das nun, weil sie lustig ist, er den Charakter versteht, neugierig gemacht wurde oder unbedingt wissen will, ob der Angeschossene überlebt hat. Hier sind nach oben keine Grenzen gesetzt: Je gefesselter der Leser von Anfang ist, desto besser!
Und jetzt?
Ganz einfach: Hinsetzen und keine Angst vorm leeren Blatt haben. Einfach schreiben. Ändern kann man später immer noch.
Wenn euch dieser Artikel inspiriert habt, ihr mir zustimmt oder komplett widersprechen wollt oder gern einen Anfang zeigen wollt, den ihr verfasst habt, um euch eine kurze Kritik abzuholen: Kein Problem! Ich freue mich über jede Mail und jeden Kommentar - und beantworte sie garantiert so schnell wie möglich.
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