Samstag, 20. Dezember 2014

Hallo Farblos! - Warum große Geschichten flache Charaktere brauchen

Eine der Dinge, über die man die meisten Beschwerden in Buchkritiken liest, sind flache Charaktere in Büchern. Sie sind klischeehaft, ohne Tiefen, keine Individualisten. So viele Rezensionen bemängeln diesen Zustand - dabei kommt kaum ein Buch ohne vorhersehbare Personen aus.


Zunächst einmal muss man zwischen verschiedenen Typen von angeblich schlecht gearbeiteten Charakteren unterscheiden.



Die Klischeehaften
Ob nun Tratschweib oder alter Bibliothekar, vorlauter Rotzlöffel oder zickige Teenagerin - manche Rollen sind schon geschrieben, bevor sie überhaupt auftauchen. Man weiß, womit man zu rechnen hat, wenn man den mysteriösen Fremden kennen lernt oder die gebrechliche Oma, denn man hat die Rollen schon tausendfach gesehen, gehört, gelesen oder belegt.

Die grob Umrissenen
Sie sind die fast Unsichtbaren: Charakter, die nie wirklich Farbe gewinnen. Sie sind perfekt oder abgrundtief böse, mehr müssen sie nicht sein. Alles, was sie definiert, ist eine einzige Eigenschaft, mehr gibt es über sie nicht zu sagen.


Die Unlogischen
Sie sind Charaktere, bei denen alles nicht zusammenpasst. Sie haben unerklärliche Stimmungsschwankungen, bestehen aus 20 willkürlich zusammengewürfelten Eigenschaften, die sie so oft wechseln wie ihre Unterhosen, je nachdem, wie es der Autor gerade braucht.

Mary Sues
Sie sind perfekt: Hübsch, stark, können alles, haben keine einzige Schwäche - und da, wo sie eine scheinbare Schwäche haben, macht sie das nur sympathisch und behindert sie in keinster Weise. Sie erreichen alles, und eigentlich sind sie Außenseiter, unerklärlicherweise kann sie aber trotzdem jeder leiden. Meist sind sie zwischen zwölf und zwanzig Jahren alt und bekommen am Ende den Traumtyp, während die Anti-Mary-Sue (genauso perfekt, nur zu ihrem Pech zur Antagonistin erklärt) leer ausgeht.




Um Missverständnisse gleich auszuräumen: Farblose sind keine Hauptpersonen! Als Nebenfiguren kann allerdings kaum ein Autor auf sie verzichten. Wir brauchen sie, damit eine Kurzgeschichte oder ein Roman nicht völlig überladen wird. Wenn jede Person erst umständlich erklärt werden muss, damit der Leser ihre Handlungen nachvollziehen kann, wenn die Motive jedes Handelnden hinterfragt werden, ist das nicht nur ermüdend, sondern sprengt auch jeglichen Rahmen. Eine Geschichte braucht einfache Personen, die der Leser schnell erfassen kann, damit die Handlung nicht ewig auf der Stelle tritt.
Auch muss und sollte nicht jede Nebenfigur farblos sein, aber es tut dem Buch gut, nicht ausschließlich komplexe Persönlichkeiten zu beinhalten - vor allem, wenn diese nur einmal oder immer nur kurz am Rande auftauchen.

Wozu wendet man nun aber genau die verschiedenen Typen an?


Die Klischeehaften

Sie sind besonders geeignet für immer wiederkehrende Nebenfiguren, die zwar auftauchen, aber immer am Rande stehen: Die Arbeitskollegin, mit der die Hauptperson von Zeit zu Zeit ein paar Worte wechselt, der Freund der besten Freundin, die Nachbarin oder der Fischverkäufer, bei dem man regelmäßig zu Mittag isst.
Es sind Personen, die ein immer gleiches Verhalten zeigen, deren Verhältnis zur Hauptperson klar sind. Sie dürfen nicht zu simpel sein, aber auch nicht zu komplex.
Die einfachste Lösung ist also, sie in einen Typus zu packen, ein Klischee. Natürlich sollen sie diesem Klischee nicht zu 100 % entsprechen, aber ein stark daran angelehnter Charakter ist für den Leser sehr viel leichter und schneller greifbar als ein kompliziert erstellter, der trotzdem keine wichtige Rolle hat.

Hier einige Beispiele:
"Meine Mutter war immer gut zu mir. Sie hat gearbeitet wie ein Tier, um unsere Familie durchzubringen, weißt du?" Susanns warme, braune Augen musterten mich verständnisvoll. "Ich kann nicht glauben, dass sie jetzt in diesem Sarg da lag..." Die junge Frau langte nach meinen Fingern und drückte sie sanft. "Du kannst das schaffen. Sie war eine wunderbare Frau, genau wie du." Meine beste Freundin hatte schon immer gewusst, wie sie mich beruhigen konnte. Ich kannte keinen so liebenswürdigen, positiven Menschen wie sie. Vielleicht war sie deshalb auch ein wenig naiv, aber daran wollte ich gerade nicht denken. Die Wut, mit der es mich immer erfüllte, wie viele Menschen sie benutzten, hätte ich in diesem Moment nicht auch noch ertragen können.

"Das gleiche wie immer?" Das Mädchen hinter der Bar zwinkerte mir zu, als ich ihr zunickte. "Du musst einen ganz schön anstrengenden Tag gehabt haben, wenn ich dich so anschaue." Ich zuckte nur mit den Schultern und musterte ihre üppigen Kurven. Mit einem Lachen, das ihre wilden Locken zum Wippen brachte, löste sie die Spannung und griff nach einem Glas, um mir meine übliche Bloody Mary zu mischen. Als sie mir den Drink reichte, drohte sie mir spielerisch mit dem Finger. "Pass auf, wo du hinschaust, Kleiner. Ich kann kratzen..." Mit einem herausfordernden Lächeln wandte sie sich dem nächsten Kunden zu.

Einfache Personen, die einem speziellen Typ angehören, den jeder kennt: Die flippige Barkeeperin, die mit ihrem Kunden flirtet, die zu allen freundliche Frau, die als Rettungsanker in den schlimmsten Stunden dient, etc. etc. etc.
Damit der Charakter trotzdem interessant bleibt, hilft schon ein kleines Detail, das aus dem Klischee ausbricht - wie beispielsweise kein perfektes, vollschlankes Aussehen bei der Barkeeperin.

Die grob Umrissenen

Die grob Umrissenen sind Menschen, die nur ein oder zweimal in der ganzen Geschichte kurz auftauchen.
Das kann ein Arzt sein, ein Mitschüler oder ein einfacher Passant, vielleicht auch der neue Mann der Mutter, den die Hauptperson nur zwei oder drei Mal überhaupt trifft. Der Leser muss keine Ahnung haben, was für ein Mensch diese Nebenfigur ist; es reicht, wenn sie eine vage Sympathie oder Ablehnung empfinden.
Auch hier wieder zwei kurze Beispiele:

"Wir werden alle sterben, schon übermorgen!" Die panischen Augen in dem verkniffenen Gesicht des Wanderpriesters starrten mich an. "Der Herr wird seine Schafe zu sich holen. Und du" - sein Finger fuhr durch die Luft, um mich am hinteren Ende der Menge aufzuspießen - "du wirst in der Hölle brennen."

"Meine Frau, die wartet zuhause noch auf mich. Ich hab drei Söhne, wissen Sie, alle ganz versessen auf meine Würste. Aber zuhause grill ich selten, ich mach das ja schon den ganzen Tag auf Arbeit." Entnervt starrte ich den Mann vor mir an. Mein Fuß kickte Kiesel von links nach rechts aus Ungeduld. Was sollte ich mit seiner Familiengeschichte? Alles, was ich wollte, war eine Bratwurst. "Und meine Mutter kommt heute zu Besuch, da haben wir wieder volle Bude. Ich freu mich drauf, auch wenn sie 'ne ziemliche Schreckschraube ist." Endlich erhielt ich mein Essen. Ich legte einen Fünf-Euro-Schein auf den Tresen und zwang mich zu einem Lächeln. "Kaufen Sie Ihrer Frau vom Wechselgeld Blumen."
 Also: Der Gemeine, der Gesprächige, die Lustige, der Verkniffene, etc. Menschen, die nur aus einem einzigen Charakterzug bestehen, wo aber für ihren kurzen Auftritt auch nicht viel mehr nötig ist.


Die Unlogischen und die Mary Sues

Wo benutzt man also die unlogischen Charaktere oder Mary Sues? Am besten gar nicht. Sie sind die Figuren, bei denen die Meckerei wirklich angebracht ist. Niemand ist perfekt. Niemand ist wandelnde Willkür.
Das heißt nicht, dass ein Charakter nicht diesen Anschein machen darf. Aber am Ende muss doch ein Sinn, ein Zweck hinter einem solchen Ansatz stecken - sonst wirkt er nur aufgesetzt und unnatürlich.
Bitte, bitte, haltet diese Arten von Personen aus euren Geschichten heraus! Sie verderben jede noch so gute Idee, verwirren Handlungen und machen jeden noch so schönen Stil kaputt.



Sonderfall: Humor

Wer humorisitisch schreibt, lebt oft nach anderen Regeln - so auch hier. Wer lustig sein will, ist auf Klischees angewiesen: Um sie umzudrehen, zu überziehen oder einfach so zu nutzen, wie sie sind. Hier gilt: Auch die Hauptperson sollte und müsste einem Klischee entsprechen. Das darf zwar gern überzogen werden, muss aber trotzdem ein Klischee sein und bleiben. Es findet sich kaum Humor, der nicht auf diese Art mit den Erwartungen der Leser oder Zuschauer spielt.
Trotzdem gilt das Gleiche wie bei allen anderen Genres: Hauptpersonen mit Tiefe, Nebenpersonen große oder kleine Mary Sues.



ACHTUNG! Wie immer gilt alles hier Gesagte nur als Faustregel. Es gibt zu jedem dieser Punkte Ausnahmen, und alles hängt von der Geschichte ab, die du als Autor erzählen willst. Alles, was dieser Artikel tun will, ist eine Orientierung zu bieten.

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